Jeden Tag sieht er seine Post hastig durch, ob nicht der Drohbrief dabei, ist, den er schon lange erwartet. Er weiß nicht auf welchem Papier der Brief geschrieben ist und welches Format er hat, vielleicht länglich, vielleicht rot. Möglicherweise steckt er in einem gewöhnlichen Geschäftscouvert, grün mit Fensterscheibe, was aber nicht anzunehmen ist, da es sich ja um einen ganz gewöhnlichen Brief handelt. Was darin steht, weiß er natürlich auch nicht. Es gibt so vieles, wofür man ihn zur Rechenschaft ziehen könnte, seine Faulheit, seine Feigheit, diese vor allem. Vielleicht steht auf einem sonst leeren Blatt nur ein Fragezeichen (er, in Frage gestellt), oder ein Ausrufungszeichen (Achtung, Achtung) oder ganz einfach: ein Punkt.

Aus: Marie Luise Kaschnitz, Steht noch dahin. Neue Prosa, Insel Verlag 1970, Frankfurt am Main

Leeres Papier

Seit einiger Zeit finde ich die tags zuvor von mir beschriebenen Blätter am Morgen, wenn ich mich zur Arbeit setze, leer. Ich kann mich auch beim besten Willen nicht erinnern, was ich da zu Papier gebracht habe. Die wenigen Worte, die etwa stehengeblieben sind, kann ich nicht entziffern, oft verbringe ich ganze Vormittage damit, an ihnen herumzurätseln, was ich herauslese, ergibt keinen Sinn. Allerdings kommt es auch vor, daß mich gerade diese närrischen Worte auf eine neue Spur setzen, die ich dann eifrig verfolge. Meine Hundenase wittert und wühlt, wieder habe ich etwas, das ich ans Tageslicht bringen kann. Am Abend sind zwei oder drei Seiten vollgeschrieben, die ich erfreut überlese. Am Morgen wird es sein wie gestern, alles verblichen und verschwunden, nur ein paar fadendünne Wörter stehengeblieben, hindostanisch, suaheli, Traumsprache, wenn ich nicht mit allem etwas anzufangen wüßte, stünde es schlimm.

Aus: Marie Luise Kaschnitz, Steht noch dahin. Neue Prosa, Insel Verlag 1970, Frankfurt am Main

Fragezeichen

Ein Buch herausgeben, das aus lauter Fragen besteht. Die Fragen befinden sich oben auf jeder Seite, darunter ist Raum für, sagen wir, fünf Eintragungen, die durch Jahreszahlen gekennzeichnet sind. Alle fünf Jahre soll etwas eingetragen werden, eine Antwort auf die oben gestellten Fragen. Die könnten, um nur einige Beispiele zu nennen, etwa lauten: Haben Sie noch ein Gefühl für die Schönheit der Natur? Glauben Sie noch an das Gute im Menschen? Wen würden Sie bei einer Katastrophe zuerst retten, sich selbst, Ihre Frau oder Geliebte, Ihren Mann, Ihre Kinder, Ihren Freund. Wie stehen Sie zur Kriegsdienstverweigerung. Wie oft am Tag denken Sie an den Tod. Und so weiter. Das Spannende wäre, ob die Antworten immer gleich ausfallen, und warum gleich, warum verschieden. Haben wir uns denn gar nicht entwickelt, können wir uns selbst nicht treu bleiben, was ist mit uns geschehen.

Aus: Marie Luise Kaschnitz, Steht noch dahin. Neue Prosa, Insel Verlag 1970, Frankfurt am Main